Deutsche Mieter vertrauen wenig auf Wohnungspolitik

Deutschland ist ein Mieterland, doch immer mehr Deutsche haben laut einer Umfrage Schwierigkeiten, die Mieten zu stemmen. Mehr als zwei Drittel der Befragten halten die Wohnungspolitik für falsch, rund die Hälfte die Mietpreisbremse für wirkungslos. Diese Wahrnehmung stützt auch eine neue Studie.Vor allem dort, wo Ballungsräume in rund einer Stunde erreichbar sind, steigen die Mieten, lautet das Ergebnis einer Beobachtung des Maklerportals Immowelt – trotz regulatorischer Einriffe wie der bundesweit geltenden Mietpreisbremse.

“Stark steigende Mieten sind kein exklusives Phänomen in Großstädten – wir beobachten auch in etlichen mittelgroßen Städten einen zunehmenden Preisdruck am Wohnungsmarkt”, sagt Prof. Dr. Cai-Nicolas Ziegler, CEO der Immowelt. Das hohe Preisniveau von Metropolen und Großstädten strahle mittlerweile weit über den Speckgürtel hinaus und erreiche angrenzende Regionalzentren. Für die Analyse hat Immowelt die Angebotsmieten in 109 deutschen Mittelstädten (50.000 bis 100.000 Einwohner) untersucht: In drei Viertel der untersuchten Städte sind die Preise bei Neuvermietungen von Wohnungen zwischen 40 und 120 Quadratmetern im Vergleich zum Vorjahr teurer geworden – in zehn Städten liegt ein zweistelliger prozentualer Zuwachs vor.

Bis zu 18 Prozent Plus: Mietanstieg erreicht mittelgroße Städte

n Aschaffenburg (Bayern) legten die Mieten laut Immowelt zwischen 2018 und 2019 um 18 Prozent zu – das ist der stärkste Anstieg im Jahresvergleich. Im Durchschnitt stiegen die Preise von Mietwohnungen von 8,90 Euro pro Quadratmeter auf 10,50 Euro. Aschaffenburg hat eine verkehrsgünstige Lage: Es liegt nur rund 40 Kilometer vom Ballungsraum Frankfurt am Main entfernt, Industriezentren wie Mannheim, Würzburg und Mainz sind in etwa einer Stunde erreichbar. Die Attraktivität Aschaffenburgs resultiere zudem aus viel Neubau und renovierten Objekten, diese würden zu höheren Preisen angeboten, schreibt Immowelt-CEO Ziegler.

Den zweitstärksten Anstieg verzeichnet Bocholt (Nordrhein-Westfalen) mit einem Plus um 16 Prozent auf 7,40 Euro. Nah sind die niederländische Grenze und die Großstädte Düsseldorf und Wuppertal, die man etwa in einer Stunde Fahrtzeit erreicht. Es folgt Göppingen (Hessen) mit einem großen Sprung von 15 Prozent auf 9,40 Euro pro Quadratmeter. In der Nähe: das hochpreisige und wirtschaftlich starke Stuttgart. Eine verstärkte Bautätigkeit wirkt sich zusätzlich preistreibend auf das Mietniveau aus.

Deutliche Preiskluft zwischen den Bundesländern

In Baden-Württemberg befinden sich Immowelt zufolge die drei teuersten Städte aus der Analyse: Sindelfingen (plus neun Prozent auf 11,80 Euro pro Quadratmeter), Böblingen (plus ein Prozent; 10,50 Euro) – beide in der Nähe von Stuttgart – und Konstanz (plus ein Prozent; 11,80 Euro).

Im Osten Deutschlands liegen die fünf preiswertesten mittelgroßen Städte der Studie: In Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern) ging der Preis um zwei Prozent auf 5,40 Euro zurück, in Zwickau (Sachsen) blieb er stabil bei 5,20 Euro und Gera (Thüringen) verzeichnet ein leichtes Wachstum von zwei Prozent auf 5,10 Euro. Die sächsischen Städte Görlitz (4,80 Euro) und Plauen (4,50 Euro) bleiben unter der Marke von fünf Euro.

Als Grund für die günstigen Mieten gibt Immowelt an, dass die Mittelstädte im Osten mit einem Bevölkerungsrückgang und höheren Leerstandsquoten kämpfen, was für weniger Nachfrage und für stabile Preise sorgt. Stellenweise würden sogar modernisierte Wohnungen zu günstigen Mieten angeboten.

Große preisliche Unterschiede gibt es auch innerhalb einzelner Bundesländer, etwa in Nordrhein-Westfalen. Die Nähe zur Metropole Köln müssen Mieter in Pulheim mit zehn Euro (plus elf Prozent) sowie mit je 9,50 Euro in Frechen (plus zehn Prozent) und Hürth (plus zwei Prozent) mitbezahlen. Iserlohn (5,70 Euro, minus zwei Prozent) und Arnsberg (5,40 Euro, plus zwei Prozent) zählen zum Kreis der günstigsten deutschen Mittelstädte.

Deutsche Mieter halten Mietpreisbremse mehrheitlich nicht für effektiv

Vor dem Hintergrund von steigenden Mieten nicht nur in den Metropolen, sondern auch in immer mehr Mittelstädten, scheint es nicht verwunderlich, dass knapp 65 Prozent der Deutschen ihr Land in der Wohnungspolitik “auf dem falschen Weg” sehen, wie eine international angelegte Studie des Bankhauses ING (englisch) zeigt.

Das betrifft überwiegend Mieter. Als Hauptgrund für diese Ansicht wurde vor allem die (mangelnde) Bezahlbarkeit von Wohnraum angegeben – zirka 70 Prozent der Befragten sagten das. Demnach haben mittlerweile 22 Prozent der Deutschen sogar Schwierigkeiten, ihre Miet- oder Hypothekenzahlungen zu leisten. Im Jahr 2017 waren es noch 14 Prozent.

Dass der deutsche Wohnungsmarkt nicht effektiv reguliert sei, gaben knapp 40 Prozent der befragten Deutschen zu Protokoll. Explizit die Mietpreisbremse halten 51 Prozent der deutschen Verbraucher für wirkungslos. Allerdings haben laut ING-Studie bislang nur wenige eigene Erfahrungen mit der Mietpreisbremse gemacht.

Für 85 Prozent der Befragten hat sich bislang weder als Mieter noch als Vermieter eine Konsequenz aus der Mietpreisbremse ergeben. Am häufigsten waren noch Auskünfte hinsichtlich der Miethöhe des Vormieters; von tatsächlichen Minderungen der Miete berichten nur etwa sechs Prozent der Befragten.

Angst vor Verschuldung schreckt potenzielle Immobilienkäufer ab

77 Prozent der von ING befragten Deutschen gehen davon aus, dass die Immobilienpreise hierzulande weiter steigen werden, nur drei Prozent denken das nicht. Das würde der Umfrage zufolge auch die Tragbarkeit der Wohnkosten weiter verschlechtern.

Vor allem die hohen Preise, aber auch die Verschuldung schrecken vom Kauf einer Immobilie ab: In Deutschland geben das zirka 70 Prozent der “Noch-nicht-Eigentümer” als Hinderungsgründe an. In Deutschland sei auch die Tendenz größer als im europäischen Durchschnitt, lieber mehr für die Miete einer gut gelegenen Wohnung auszugeben, anstatt auf eine eigene Immobilie zu sparen.

Rund ein Drittel der Deutschen gab zudem an, den Vorgang eines Immobilienkaufs nicht richtig zu durchblicken: Finanzierung, Bauvorschriften, Grundbucheinträge – oder was sonst zum organisatorischen Aufwand gehört.

Quelle: Haufe Online Redaktion 06.02.2020